Ich komme eigentlich selten nach Ottakring. Einmal bei der Zahnärztin heißt bei mir meist zweimal oder öfters. Anschließend eine Stunde nichts essen und trinken, also machte ich einen Adventure Lab zur Ablenkung und ich war angenehm überrascht über die Wandgemälde, die ich dabei entdeckte.

Dieses Wandgemälde trägt den Titel „Distraction“ und wurde von dem griechischen visuellen Künstler Gera 1 (aus Athen) geschaffen. Eine weibliche Figur mit einem Smartphone in der Hand, die von ihrem eigenen Spiegelbild überlagert wird. Trotz der ständigen Ablenkung durch digitale Medien und Gegenstände wirkt die Abgebildete seltsam losgelöst von ihrer Umgebung.

Unter dem Motto „DIEZ – Years of Transformation“ feierte Calle Libre 2023 sein 10-jähriges Bestehen und gestaltete in Ottakring insgesamt zehn großflächige Fassaden neu. Das Festival wird von dem gemeinnützigen Verein zur Förderung von Kunst, Kultur & Musik „Calle Libre“ organisiert.

Das Wandgemälde mit den Titel „Regard“ kann man in der Friedrich-Kaiser-Gasse 32 bewundern. Die Künstlerin Isa (Mitglied des Künstlerkollektivs The Weird) ist bekannt für ihren charakteristischen, von Vintage und Illustration inspirierten Stil mit sanften Pastell- und Erdtönen. Das Bild zeigt eine starke, selbstbewusste Frauenfigur, umgeben von Erinnerungsstücken (Memorabilia) aus den vergangen zehn Jahren.

Dieses auffällige Kunstwerk in der Ottakringer Straße / Ecke Veronikagasse malte das spanische Urban-Art-Duo PichiAvo aus Valencia.
Das Werk kombiniert Schwarz-Weiß-Comic- und Pop-Art-Elemente mit kontrastreichen, typografischen Schriftzügen („Curacao“) und leuchtend gelben und roten Farbflächen.

Der Künstler Luogo Comune ist bekannt für seine grafische Bildsprache, klare Formen, symbolhafte Grafiken und eine oft bewusst eingeschränkte, stark harmonierende Farbpalette (hier dominieren verschiedene Grün-, Gelb- und Erdtöne). Das Werk setzt sich mit dem Wandel unseres Planeten, dem Vergehen von Zeit sowie der ständigen Transformation von Mensch und Natur auseinander. Die einzelnen Bildfelder symbolisieren unterschiedliche Entwicklungs- und Stufenformen des Lebens: von fossilen Urzeit-Relikten (Dinosaurierschädel) und Flora (Lilie) über die menschliche Anatomie und Organe bis hin zur Darstellung der Erde, des Kosmos und der Energie.
Ich war an einem heißen Septembertag hier unterwegs. Ich wusste bisher nicht, dass Brauereien genauso „stinken“ wie Papierfabriken.

Dieses farbenfrohe Kunstwerk in der Hippgasse 17 trägt den Titel „Evoke Love as the Transforming Force“ (kurz Love) und wurde von der kolumbianischen Street-Art-Künstlerin Gleo geschaffen. Gleo stammt aus Cali, Kolumbien, und zählt zu den prägendsten Stimmen der südamerikanischen Urban-Art-Szene.
Das Werk zeigt verträumte, gesichtslose oder maskierte Figuren, mystische Tiere sowie üppige, bunte Flora und Fauna. Passend zum Festival-Motto der Transformation beschreibt Gleo mit dem Bild die Liebe als eine verbindende, heilende und transformierende Kraft im städtischen Raum.

Unterwegs gab es schöne Bauten von denen ich einiges fotografiert habe.
Das Palais Kuffner gehört zu den bekanntesten repräsentativen Historismus-Bauten des Bezirks. Der halbrunde, konvexe Erker im ersten Stock mit seinen barockisierenden Verzierungen und dem geschmiedeten Balkongitter war für mich der zentrale Blickfang.

Der immense Reichtum und der pompöse Lebensstil der Kuffners (wie der Bau repräsentativer Palais direkt im Industrierevier) standen in scharfem Kontrast zur Ausbeutung und Armut der lokalen Brauereiarbeiter und Tagelöhner.
Zwar engagierte sich die Familie Kuffner philanthropisch (etwa durch den Bau der Kuffner-Sternwarte, Volksbildungsprojekte oder Stiftungen), doch folgte dies dem typischen Motiv des bürgerlichen Paternalismus: Soziale Wohlfahrt diente oft dazu, die Arbeiterklasse ruhigzuhalten, Streiks zu verhindern und den sozialen Frieden für das eigene Großkapital zu sichern.
Ein tragisches Kapitel der Familie Kuffner betrifft das Jahr 1938: Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde die Familie nach dem „Anschluss“ Österreichs von den Nationalsozialisten systematisch entmachtet und enteignet.
Moriz von Kuffners Sohn Stephan musste die Brauerei und das gesamte Besitztum unter Wert verkaufen („Arisierung“) und ins Ausland flüchten.

Der Baldiahofes in der Ottakringer Straße 104 war während der Zeit des Nationalsozialismus das Sammellager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in der nahegelegenen Ottakringer Brauerei eingesetzt wurden.
Der großflächige Miethauskomplex wurde 1893 vom Ottakringer Architekten, Baumeister und Gemeinderat Ferdinand Baldia (1860–1936) entworfen und von den Arbeiter:innen errichtet.