Wir besuchen das Porzellanikum in Selb. Vom Wohnmobil-Standplatz radeln wir ein paar Kilometer zum Museum in den ehemaligen Fabriksdanlagen. Untergebracht ist das Museum in den original erhaltenen Fabrikhallen der ehemaligen Rosenthal-Fabrik.

Man beachte das schöne Bild auf der Unterlage bei der Beschreibung der Firmengeschichte. Die Realität der Lebens- und Arbeitsumwelt war eine andere.



Die Staatliche Fachschule für Porzellanindustrie in Selb


Nachdem der Verband der Porzellanindustriellen jahrelang eine eigene Ausbildungsstätte gefordert hatte, begann 1908 der Unterricht in Behelfsklassen im Selber Rathaus. Am 1. April 1909 folgte die offizielle Eröffnung als Königlich-Bayerische Fachschule für Porzellanindustrie. Als Gründungsdirektor berief das Kultusministerium den Münchner Architekten und Designer Fritz Klee. Er leitete die Schule über 30 Jahre lang (bis 1939) und prägte eine eigene stilistische Ära im Porzellandesign. Klee entworf unter anderem auch den berühmten Löwen der Hutschenreuther-Bodenmarke.
Klee war ursprünglich 1908 eher widerwillig nach Selb gekommen. Als Münchner Architekt verstand er sich zeitlebens nicht als „Provinzler“, weshalb ihn die Sonderausstellung im Porzellanikon auch passend als „Ein Selber wider Willen?“ betitelt.
In Selb hatte sich eine zunehmende Resignation bei ihm breitgemacht. Als Mann mit einer eher liberalen, avantgardistischen Kunstauffassung und weltoffenen Einstellung geriet er im Nationalsozialismus unter Druck. Das politische Klima und die Gleichschaltung des Bildungs- und Kunstwesens widersprachen seinem Verständnis von freier Gestaltung und moderner Lehre. In Stuttgart lebte Fritz Klee zurückgezogen bis zu seinem Tod im Jahr 1976, wo er im ungewöhnlich hohen Alter von 100 Jahren verstarb.


Standesdünkel und Abgrenzung zum „Gewöhnlichen* Volk
Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert pflegten die Fabrikanten ein stark ausgeprägtes Standesbewusstsein. In der Kasinogesellschaft blieb die regionale Wirtschaftselite unter sich. Hier besprachen die Herren ungestört geschäftliche Allianzen, Preise und politische Fragen – abseits der Öffentlichkeit und der Arbeiterklasse. Das Casino war gewissermaßen das Schaufenster der Manufaktur: Das hauseigene Edelporzellan, das Besteck und das Interieur wurden den Gästen direkt bei Banketten im praktischen Einsatz vorgeführt.


Porzellanfabriken benötigten gewaltige Mengen an Rohstoffen (Ton, Kaolin, Feldspat, Quarz) sowie Unmengen an Kohle für die Befeuerung der Rundöfen.
Die Eröffnung des neuen Durchgangsbahnhofs Selb Stadt und der verlängerten Lokalbahnstrecke am 1. Mai 1914 war für die Stadt Selb und die dortige Porzellanindustrie ein entscheidender Infrastruktur-Durchbruch. Selb war fortan nicht mehr nur Endstation einer Stichstrecke vom Grenzbahnhof Selb-Plößberg aus, sondern direkt in das nordbayerische und überregionale Schienennetz integriert.
Aus meinen persönlichen Erfahrungen mit der DB hat sich das mit den „Zeitverlusten“ nicht geändert.


1926 befand sich die Selber Porzellanindustrie auf einem Höhepunkt. Die Ausstellung diente auch dazu, nach den schweren Jahren des Ersten Weltkriegs und der Inflation das internationale Ansehen des deutschen Porzellans – vor allem in der aufkommenden Epoche des Art Déco – wieder zu festigen.
Anlass war das 500-jährige Stadtjubiläum der Stadt Selb (1426–1926. Besucher:innen konnten die gesamte Prozesskette der Porzellanherstellung hautnah nachvollziehen – von den Rohstoffen (Kaolin, Feldspat, Quarz) über die Maschinenräume und Formgießerei bis hin zu den Brennöfen. Zulieferer und Maschinenbau-Unternehmen stellten ebenfalls ihre Technologien aus1.
Ältere Maschinen für die Besucher zum Bewundern









Vom Felsgestein zum „Weißen Gold“ – Die Schwerarbeit in der Masseaufbereitung

Bevor ein Porzellangestalter eine Form abgießen oder auf der Drehscheibe formen kann, liegt ein langer, mechanischer Prozess hinter den Rohstoffen. Das abgebildete Tableau veranschaulicht den Weg vom harten Gestein zur geschmeidigen Rohmasse.
Im Zentrum steht der Mensch – der Arbeiter („Porzelliner“) –, umgeben von der gewaltigen Maschinentechnik des Industriezeitalters. Werkzeuge wie der Backenbrecher oder der Kollergang zertrümmerten tonnenschwere Gesteinsbrocken. Trommelmühlen verfeinerten das Material, während Filterpressen und Masseknetmaschinen der feuchten Masse die optimale Konsistenz gaben. Es war eine Welt aus Lärm, Staub und höchster Präzision – das mechanische Fundament der Selber Porzellanindustrie.