Die Porzellanstadt Selb

Von Bad Abbach führt uns die nächste Etappe nach Selb einer 15.000 Einwohner großen Stadt, wo das Porzellan deren Geschichte prägte. Das weltweite Zentrum der Porzellanindustrie liegt unmittelbar an der Grenze zu Tschechien. Wir erreichen Selb auf der sogenannten Bayerischen Porzellanstraße und ist die Wiege weltbekannter Marken wie Rosenthal und Hutschenreuther.

Das ist der bekannte Porzellanbrunnen auf dem Martin-Luther-Platz in Selb.

Die aufragenden Porzellansäulen in der Mitte stehen metaphorisch für die rauchenden Schornsteine der historischen Porzellanfabriken, die das Stadtbild und die Geschichte Selbs maßgeblich geprägt haben. Für die Mosaike wurden von Barbara Flügel mehr als 45.000 einzelne Porzellanplättchen in Weiß-, Blau- und Goldtönen verarbeitet.

Die Glocken bestehen aus edlem Biskuit- beziehungsweise Hartporzellan. Da die spätere Tonhöhe erst nach dem Brennvorgang exakt feststeht, erforderte das Gießen und Stimmverfahren höchste Präzision. Durch die Lage auf zwei gegenüberliegenden Balkonfenster entsteht beim Spielen ein sogenannter „Stereo-Effekt“.
Die gespielten Lieder wechseln je nach Jahreszeit und Anlass (von Volksliedern über klassische Stücke wie Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“ bis hin zu Weihnachts- oder Frühlingsliedern).

Die Geschichte der Stadt in Bildern

Das Bild ist aus handbemalten Porzellan- bzw. Keramikfliesen zusammengesetzt.
Dieses großflächige Kunstwerk „Stadtgeschichte auf Porzellan“ befindet sich am sogenannten Welzel-Haus in der Selber Innenstadt.

Die Wandbilder aus bemalten Porzellanfliesen wurde 1988 von der Hutschenreuther AG anlässlich ihres 125-jährigen Betriebsjubiläums gestiftet. Angefertigt wurde die Kunstwerke von den Porzellanmalern und Entwurfszeichnern der Kunstabteilung der Hutschenreuther AG in Selb.

In der Darstellung der Geschichte werden die Firmentwiclungen dargestellt von den Arbeiter:innen ist fast nichts zu sehen.

Bei den Arbeitsbedingungen war die größte Gefahr für die Beschäftigten der feine Quarzsand- und Keramikstaub in der Massenvorbereitung und Formerei. Der Staub setzte sich in den Lungen fest und führte zur Silikose (Staublunge), die extrem häufig in die tödlich verlaufende Tuberkulose überging. Die Lebenserwartung vieler Fabrikarbeiter lag drastisch unter dem Durchschnitt.
An den Rundöfen herrschten extreme Temperaturen. Das Herausholen der Glühware („Aussetzen“) war Schwerstarbeit; die Arbeiter schützten sich oft nur mit nassen Säcken über dem Kopf vor der Hitze. Demgegenüber standen feuchte und zugige Räume in der Masseaufbereitung.
Beim Glasieren und Malen wurde mit blei- und schwermetallhaltigen Farben sowie Substanzen gearbeitet, was ohne nennenswerte Schutzbekleidung häufig zu chronischen Vergiftungen führte.
Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden an sechs Tagen in der Woche waren bis weit in das späte 19. Jahrhundert hinein die Regel. Da die großen Rundöfen tagelang durchgehend gefeuert werden mussten, arbeiteten die Brenner und Schürer in kräftezehrenden Tag- und Nachtschichten. Bezahlt wurde zumeist im Akkordlohn, was zu einem enormen Leistungsdruck führte. Frauen und Kinder, die in Hilfsbereichen arbeiteten, erhielten nur einen Bruchteil des Männerlohns.

Lorenz Hutschenreuther hatte 1857 die erste Porzellanfabrik in Selb gegründet. Ihr sollten noch eine große Anzahl folgen (u. a. Rosenthal Porzellan, später auch Isolatoren, Heinrich & Co, Krautheim, etc.). Vor allem Kohle und Rohstoffe konnten nun per Bahn nach Selb-Plößberg transportiert werden. Letztlich sollten die mit der Bahn verbesserten Produktionsbedingungen in der Porzellanindustrie dem Landkreis Wunsiedel eine enorme wirtschaftliche Blütezeit bescheren.
Mit der Eröffnung der Bahnlinie Selb – Holenbrunn im Mai 1914 wurde auch ein neuer Bahnhof „Selb Stadt“ errichtet.

Das ist der „Porzelliner“ (oder auch Der Porzelliner-Gedenkstein), eine wuchtige Granitskulptur in Selb.

Dann fanden wir im Ort doch noch einen Gedenkstein an die schwere Arbeit der Beschäftigten. Die Skulptur zeigt einen kauernden, tief nachdenklichen Porzellanarbeiter (Porzelliner). Sie ist eine Auseinandersetzung mit der schweren handwerklichen Geschichte der Stadt und symbolisiert die schwere körperliche Arbeit, den Fleiß und die Mühen der Menschen in der Selber Porzellanindustrie.

„Dem Andenken unserer im Kriege 1870/71 gefallenen Söhne. Die Kirchengemeinde Selb.“
In der Mitte des Steins ist der Bismarckturm auf dem Hainberg (Háj) bei Asch abgebildet – das markanteste Wahrzeichen der Ascher Region.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden 1945/46 die deutschsprachigen Bewohner aus dem Kreis Asch vertrieben. Viele von ihnen fanden direkt hinter der nahegelegenen Grenze im Landkreis Wunsiedel und im Landkreis Hof (insbesondere in Selb und Rehau) eine neue Heimat.

Das ist der Vier-Jahreszeiten-Brunnen (oft auch kurz Jahreszeitenbrunnen) in Selb.

Der Brunnenkelch ist ringsum mit plastisch herausgearbeiteten Köpfen und Reliefs verziert, welche die vier Jahreszeiten (Frühling, Sommer, Herbst und Winter) als Lebenszyklen der Natur symbolisieren. Auf der zentralen Steinsäule sitzt eine kleine Figur.

Das ist das weltberühmte Regenbogenhaus (auch bekannt als Hundertwasser-Haus oder Rosenthal-Verwaltungsgebäude) in Selb.

Die farbenfrohe und phantasievolle Fassadengestaltung stammt von dem österreichischen Künstler Friedensreich Hundertwasser. Er gestaltete das Gebäude Ende der 1980er Jahre im Auftrag von Philip Rosenthal.

Ich fragte mich ob die nackte Darstellung eines nackten Jungen als Brunnenfigur noch akzeptabel ist. Die zusammengefassten Antworten darauf sind: In der Praxis und im öffentlichen Diskurs gilt die Darstellung beim Selber Buberlbrunnen – wie bei vergleichbaren historischen Brunnen in ganz Europa – als gesellschaftlich und rechtlich völlig akzeptiert, da der historische, unschuldige und künstlerische Charakter für jedermann erkennbar im Vordergrund steht.

Eine original erhaltene Mauerbeton-L-Platte (Teil der Grenzmauer 75) der ehemaligen innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Auf dem Mauersegment befindet sich das ikonische Stencil-Graffito (Schablonenkunst) von Conrad Schumann, dem DDR-Bereitschaftspolizisten, der am 15. August 1961 spektakulär über den Stacheldraht an der Bernauer Straße nach West-Berlin floh.

Wir waren bei der Selber Funzelnacht. Am späten Nachmittag / Abend wird die Innenstadt mit hunderten von Kerzen, Windlichtern, Lichterketten und stimmungsvollen Lichtinstallationen in ein buntes Lichtermeer getaucht. Besonders am Verlauf des Selbbachs entfalten die Lichtreflexe auf dem Wasser eine besondere Wirkung.

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