Die Drachen von Sundsvall

Im Jahr 1888 wurde Sundsvall durch einen verheerenden Stadtbrand fast vollständig zerstört. Beim anschließenden Wiederaufbau entschied man sich, die Innenstadt komplett aus Stein neu zu errichten (das heutige historische Zentrum Stenstan).
Um die neu erbaute Stadt symbolisch vor zukünftigen Katastrophen und neuem Feuer zu schützen, wurde der Drache als Schutzpatron und Wächter etabliert.

Seit 1999 verwandelt sich die Innenstadt von Mai bis September in eine Open-Air-Galerie: Dutzende lebensgroße Drachenstatuen aus Glasfaser werden von lokalen Unternehmen gesponsert und von regionalen Künstlern individuell bemalt. Jede Figur erzählt eine eigene Geschichte – von Motiven aus Natur und Kultur bis hin zu modernen Firmendesigns.

Beim Rundgang in der Stadt bemerkten wir, dass die lustigen Drachenfiguren gerne als Fotomotiv mit Kindern genutzt werden.

Frida Stéenhoff eine der frühesten und radikalsten Feministinnen Schwedens

Frida Stéenhoff wurde 1865 in Stockholm geboren und entwickelte sich zu einer der frühesten und radikalsten Feministinnen Schwedens. 1887 zog sie zusammen mit ihrem Ehemann, dem Arzt Gotthilf Stéenhoff, nach Sundsvall, wo ihr gesellschaftliches Engagement stark anwuchs. Über Theaterstücke, Artikel und Vorträge kämpfte sie für das Frauenwahlrecht, gleiche Bezahlung, Sexualaufklärung und Friedensfragen. Sie gilt zudem als die Person, die dem Begriff „Feminismus“ in Schweden zu einer positiven Bedeutung verholfen hat.

Ihr Drama Lejonets unge („Des Löwen Jungs“) aus dem Jahr 1897 erregte großes Aufsehen, da es die Liebe ohne Trauschein verteidigte – zur damaligen Zeit ein hochgradig kontroverses Thema. Während ihrer Jahre in Sundsvall wurde sie für ihre Ideen sowohl gefeiert als auch scharf kritisiert, doch sie setzte ihren Einsatz für die Freiheit der Frau und soziale Gerechtigkeit unermüdlich fort.
Im Mai 2022 wurde auf der Esplanade vor dem Theater von Sundsvall eine lebensgroße Bronzestatue von Frida Stéenhoff eingeweiht, die von der Künstlerin Camilla Bergman geschaffen wurde. Die Statue zeigt Frida aufrecht und entschlossen.


Diesmal steuerten wir ein spezielles Hotel in der Innenstadt an, weil es dort Informationen zu einem virtuellen Geocache gab.

Im Jahr 1872 kam der 16-jährige Adolf Fredrik Knaust nach Sundsvall, um bei seinem Onkel Gustaf Knaust zu arbeiten, einem erfolgreichen Gastwirt und Hotelier in der Stadt. Über mehrere Jahre hinweg arbeitete er sich in der Gastronomiebranche vom Kassierer und Buchhalter bis zum Oberkellner hoch. Im Auftrag der Witwe seines Onkels übernahm er 1883 die Leitung des Hotels und Restaurants, die im Rathaus untergebracht waren.
Als wir vor dem Hotel standen und die notwendigen Informationen zum Lösen unserer Aufgaben sammelten, wurden wir von einem Passanten aufgefordert doch das Inneres des Hotels anzusehen, vor allem die wunderschöne Treppe.

Bei der Beschreibung des virtuellen Geocaches gab es für uns eine umfangreiche Abhandlung zur Geschichte des Hotels, die wir euch nicht vorenthalten wollen. Wir fügen die Übersetzung als Fußnote zum Blogartikel1 ein.

Kunst und Kultur durften auch bei dieser Stadtbesichtigung nicht zu kurz kommen. Wir nutzten das Angebot von berg01, um einen weiteren Einblick in die Stadt zu bekommen.

1997 wurden von einem Künstler aus Sundsvall die langweiligen grauen Stromkästen mit Bilder aus der Musikszene übermalt.geschaffen.

Kjell Lönnå wurde 1936 in Smedjebacken geboren und zog als Jugendlicher nach Sundsvall. Bereits in seinen Teenie-Jahren begann er, Chöre zu leiten, und entwickelte sich später zu einem der beliebtesten Chorleiter, Komponisten und TV-Persönlichkeiten Schwedens. Er leitete unter anderem den Kammerchor von Sundsvall (Sundsvalls Kammarkör) sowie den YMCA-Chor (KFUM-kören) und wurde durch Fernsehsendungen wie Sången är din („Das Lied gehört dir“) landesweit bekannt. Im Laufe seines Lebens arbeitete er zudem als Musik- und Kunstlehrer sowie als Künstler und Autor..

Kjell Lönnå verstab 2022 im Alter von 85 Jahren, doch seine Bedeutung für das schwedische Chorleben wirkt fort. Im September 2024 wurde in Sundsvall das Kunstwerk „Allsång“ („Gemeinsames Singen“) eingeweiht – eine Statue zu seinem Gedenken, die ihn mitten auf der Esplanade der Stadt beim Dirigieren eines Chores zeigt.

Beim Kunstwerk „Den svarta stenen“ (Der schwarze Stein) in Sundsvall handelt es sich um eine markante Skulptur von Lars Widenfalk, die 1999 an der Stora Torget / Esplanaden aufgestellt wurde. Die Skulptur besteht aus schwarzem Diabas, einem extrem harten, dunklen Naturstein.
Lars Widenfalk hat sich bei dem Werk von historischen und mythologischen Steinmonumenten inspirieren lassen. Die organische, leicht polierte Form lädt zum Betrachten und Berühren ein.

Der Vängåvan-Brunnen (Vängåvofontänen) – Der imposante Gusseisenbrunnen hat eine besondere Geschichte und symbolische Bedeutung für die Stadt:
Der Brunnen wurde in der renommierten Eisengießerei Bultfabriks AB bzw. Näfveqvarns Bruk gefertigt und im Jahr 1886 eingeweiht – nur zwei Jahre vor dem verheerenden Stadtbrand von 1888. Als 1888 fast die gesamte Holzstadt niederbrannte, überstand der Brunnen im Park die Flammen weitgehend unbeschadet. Er wurde schnell zu einem Symbol der Hoffnung und des Überlebenswillens beim anschließenden Wiederaufbau der Steinstadt.
Der Brunnen ist im Neorenaissance-Stil gestaltet und reich mit Schalen, Wasserspeiern und allegorischen Figuren verziert:Löwenköpfe und Delphine dienen als dekorative Wasserspeier. Die Skulpturen stellen Allegorien dar, die unter anderem den Wohlstand, die Schifffahrt und den Handel symbolisieren – die Säulen des damaligen Reichtums der Holzstadt Sundsvall.

Kai Gullmar (bürgerlich Gurli Maria Bergström, 1905–1982) war eine der bedeutendsten schwedischen Komponistinnen, Sängerinnen und Filmkomponistinnen des 20. Jahrhunderts. Sie wurde in Sundsvall geboren und ist eine der schillernsten Persönlichkeiten in der Kulturgeschichte der Stadt.
Sie wuchs in Sundsvall als Tochter eines Kaufmanns auf. Schon früh zeigte sich ihr musikalisches Talent, und sie trat bei lokalen Wohltätigkeitsveranstaltungen und Revuen auf. Nach einem Zwischenstopp in London zog sie nach Stockholm, wo sie Anfang der 1930er Jahre ihren großen Durchbruch feierte.


  1. Adolf heiratete 1885 Anna Charlotta Svensson. Sie bekamen zwei Söhne: Oscar im Jahr 1886 und Nils im Jahr 1887.
    1887 übernahm Adolf das Hotell Nord, Sundsvalls und ganz Norrlands größtes Hotel. Doch bereits 1888 brannte es beim großen Stadtbrand bis auf die Grundmauern nieder. Es war ein schwerer Schlag für den jungen Hotelier Adolf Knaust, das vornehme Hotel Nord mit seinen siebzig Zimmern und einer bewunderten, formvollendeten Treppe in den Flammen verschwinden zu sehen. Adolf war mit der Verwüstung jedoch nicht allein. Im Grunde brannte die gesamte Stadt, und ein Dach über dem Kopf zu finden, war überlebenswichtig. Zum Glück betrieb er auf der anderen Seite des Flusses sein Sommergasthaus, das vom Brand verschont blieb, wodurch das Geschäft rasch kräftig an Fahrt aufnahm.
    Einige Monate später, im selben Herbst, kaufte Adolf drei zentral gelegene Grundstücke im Stadtviertel Proserpina. Auf diesen wurde ein Erstklass-Hotel mit vier Stockwerken und Keller errichtet, das am 9. Oktober 1891 eingeweiht wurde. Das neue Hotelgebäude, entworfen vom Architekten Sven Malm, wurde auf einem Granitsockel mit einem Backsteingestell erbaut. Die Außenfassade wurde glatt verputzt und im Stil der deutschen Renaissance dekoriert. Der Betrieb gliederte sich in den Restaurantbereich und Gästezimmer für Übernachtungen. Zentral im Haus wurde eine Treppe platziert, deren Gestaltung auf einer Idee aus dem abgebrannten Hotel Nord basierte. Die Gusseisentreppe wurde mit weißem Carrara-Marmor, Kalkstein und einem ziertlich gearbeiteten Schmiedeeisengeländer ausgestattet. Das Erdgeschoss beherbergte im Westen den Speisesaal, einen Leseraum sowie ein Spielzimmer, und im Südosten ein großes Café (Schweizeri) sowie eine erstklassige Billard-Lounge. Im ersten Obergeschoss befand sich zur Storgatan hin ein Festsaalbereich mit drei großen Zimmern en suite (in einer Flucht) sowie einigen kleineren Räumen zur Nybrogatan. Alles in allem gab es etwa fünfzig Gästezimmer. Die Lobeshymnen überschlugen sich, und man pries besonders die Reinheit und Solidität des Baustils.
    Seine Blütezeit erlebte das Hotel im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Holzbarone (Träpatroner) feierten im Café (Schweizeri), schwelgten bei üppigen Festessen im Hotelsaal und das Neureichen-Publikum zerschlug bis tief in die Nacht Gläser und Dekorationsgegenstände, um sich zu amüsieren. Am nächsten Morgen kehrten sie zurück, um den Schaden zu bezahlen.
    Über diese Epoche kursieren viele Geschichten, die mehr oder weniger wahr sind. Zur ersten Kategorie gehört jedoch die Geschichte über den Besuch des Königs von Siam in Sundsvall im Jahr 1897 – ein stattlicher Staatsbesuch mit Gala-Dinner, der sowohl der Stadt als auch dem Hotel noch lange Glanz verlieh. König Chulalongkorn befand sich auf einer Reise entlang der Flüsse Indalsälven und Ljusnan und machte in Sundsvall Halt, da die weltberühmte Holzregion sein Interesse geweckt hatte. Im Gefolge hatte er einen königlichen Vorkoster, dessen Aufgabe es war zu beurteilen, ob die Speisen für den königlichen Gaumen geeignet waren. Dieser zeigte sich äußerst angetan von der Lachs-Mayonnaise des Hotels, zu der er große Mengen grünen Salat verzehrte – die norrländische Nationalspezialität Surströmming wies er jedoch zurück.
    Neben der Eleganz des Hotels lockten vor allem die gut sortierte Küche und der Spirituosenkeller. So waren beispielsweise 54 Sorten Punsch auf Lager, was zumindest die Holzbarone magisch anzog. Eine heitere Anekdote erzählt, dass einst einige Herren aus Härnösand, wo sie zu Abend gegessen hatten, anreisten, um Kaffee mit Punsch einzunehmen. Durch die lange Anreise fühlten sie sich zu etwas Besonderem berechtigt: Als die Kellnerin fragte, wie viele halbe Portionen Punsch sie wünschten, antworteten sie, sie hätten gerne eine von jeder Sortierung. Die Kellnerin machte große Augen und fragte verwundert, wie lange sie denn zu bleiben gedachten.
    Das Café, oder der Spegelsalen (Spiegelsaal), wie es später in Anspielung auf königliche Vorbilder genannt wurde, war mit runden Tischen mit Marmorplatten und Gusseisenfüßen sowie traditionellen Kaffeehausstühlen mit Geflechtsitzen ausgestattet. Entlang der Außenwand standen plüschbezogene Sofas unter den mit Spiegeln versehenen Wandfeldern; hier befanden sich auch rechteckige Tische derselben Art. An der Decke, die bis heute erhalten ist, erstreckt sich ein Sprossenwerk mit bemaltem Glas. Neben einer wunderschönen Schablonenmalerei finden sich in den vier Ecken zudem gemalte Porträts von vier schwedischen Komponisten des 19. Jahrhunderts: Johan August Söderman, Adolf Fredrik Lindblad, Fredrik Vilhelm Ludvig Norman und Jacob Axel Josephson.
    Die Gemelde zeugen von Adolfs Bestreben, die Exklusivität des Hotels zu unterstreichen. Die populäre Hintergrundmusik jener Zeit hatte im Café keinen Platz – hier regierte die Kunstmusik. Adolf war selbst sehr musikinteressiert, ein geübter und textsicherer Quartettsänger und im Übrigen einer der Gründer des norrländischen Sängerbundes (Norrlands sångarförbund).
    Nach Adolfs Tod im Jahr 1907 führten seine Witwe Anna und sein Sohn Oscar das Hotel weiter. Gemeinsam leiteten sie das Haus bis zu Annas Tod im Jahr 1917. Oscar entwickelte sich in der Folge zu einer der prominentesten und bekanntesten Persönlichkeiten des damaligen Sundsvall. Der umfangreiche Betrieb mit seiner gastfreundlichen Atmosphäre und der hervorragenden Küche wurde unter seiner umsichtigen Leitung fortgeführt. Doch es brachen neue Zeiten an. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg investierte Oscar viel Geld, um neben dem Hotelbetrieb ein Autohaus zu gründen. Dieses zweite Standbein erwies sich jedoch als zu schwere finanzielle Last: Oscar benötigte Geld und war mehr oder weniger gezwungen, das Hotel zu veräußern. Eine Gesellschaft wurde gegründet, womit die Epoche Knaust im Hinblick auf das eigene Bestimmungsrecht über den Betrieb endete.
    Zudem musste die Familie aus dem Haus ausziehen, das sie drei Jahrzehnte zuvor selbst erbaut hatte. Oscar arbeitete jedoch bis zu seinem Tod im Jahr 1943 weiterhin als Chefgastronom (Källarmästare) im Haus, und die Gastfreundschaft nahm er vom Hotel mit in sein eigenes Heim. All die berühmten Schauspieler und Musiker, die zu spätestes Stunde in seinem Haus einkehrten – Thor Modéen, Adolf Jahr, Fridolf Rudin, Jussi Björling, Ernst Rolf und viele mehr – brachten Oscar Knaust naturgemäß einen hervorragenden Ruf ein. Allen wurde ein Mitternachtssnack und geselliges Beisammensein geboten.

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