Ein Abend in Tangermünde

Am Morgen starten wir von Faxe Ladeplads in das 100 km entfernte Gedser, um die Fähre nach Rostock zu nehmen. Während der Wartezeit holen wir unser Frühstück nach und planen erste Zwischenstationen für unsere Durchreise in Deutschland. Wir steuern den Stellplatz in Tangermünden an der Elbe an. Eine Kleinstadt mit restaurierten historischen Fachwerk- und Backsteinbauten.

St.-Stephans-Kirche im Hintergrund

Das Fachwerkgebäude wurde auf den Grundmauern des Vorgänger- baus aus dem 17. Jahrhundert errichtet. Die aufwändigen Bauarbeiten wurden unter Beachtung denkmalpflegerischer Aspekte durchgeführt. Dabei wurden Baumaterialien des Vorgängerbaus so weit als möglich wiederverwendet. Im Volksmund wird das Haus mit seiner trapezförmigen Grundfläche „Buhnenkopf“ genannt, da es so in die Straße hineinragt, wie ein Buhnenkopf der Uferbefestigung in den Fluss.

Einer der zwei Putinnen

Auf der Elbseite der Stadtmauer sind zwei 30 Meter voneinander entfernte Türme mit Walmdächern beachtenswert, die unter dem Namen „Putinnen“ bekannt sind. Sie wurden um 1470 errichtet; die Herkunft ihres Namens ist ungeklärt. Möglicherweise geht er auf die niederdeutschen Wörter „buten“ (draußen) und „Tinnen“ (Zinnen) zurück.

Geschichte in Tangermünde

Nach dem verheerenden Stadtbrand in Tangermünde am 13. September 1617 gehörte Margarete von Minden, eine verarmte Patrizierstochter und Wahrsagerin, zu den der Brandstiftung Verdächtigten, ihr Motiv soll Rachsucht wegen des ihr vorenthaltenen Erbes gewesen sein. Sie wurde am 13. März 1619 zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und am 22. März hingerichtet. Historiker bezweifeln ihre Beteiligung am Brand.

Die Nationalsozialisten in Tangermünde

Kurz nach Beginn der NS-Zeit wurden im August 1933 etwa 100 Mitglieder von Arbeiterorganisationen im Rathaus von SA-Männern zusammengetrieben und misshandelt. Ein kommunistischer Bürger erlag den Misshandlungen.

Fritz Schulenburg
Er wuchs in einer Arbeiterfamilie mit sechs Geschwistern auf. Er arbeitete nach dem Besuch der Volksschule als Wald- und Landarbeiter in Jerichow und Umgebung. Ende März 1920 trat S. der KPD-Ortsgruppe Jerichow bei und wurde einer ihrer Organisatoren. Im Juli 1931 beteiligte er sich an den antifaschistischen Sturmfahrten in die Altmark, um die Landbevölkerung über den Nationalsozialismus aufzuklären. Ab 1933 setzte S. die Aufklärungsarbeit in der Illegalität fort. Eine Methode bestand darin, mit einem Koffer durch die Jerichower und Tangermünder Straßen zu gehen. In den Kofferboden wurden die Losungen

“Gegen Faschismus” und “Nieder mit Hitler” eingeschnitzt, die Böden wurden mit Farbe getränkt, die Koffer abgesetzt, und zurück blieben die Losungen auf dem Bürgersteig. Im Juli 1933 verhaftet und von der SS in das Gefängnis Tangermünde gebracht, war S. brutalen Mißhandlungen und Folterungen ausgesetzt, an deren Folgen er starb. Er fand sein Grab auf dem Tangermünder Friedhof, den die Angehörigen erst 1945 wieder betreten durften. Hier wurde eine Gedenkstätte eingerichtet. (Quelle: Familienchronik Günther Schulenburg)

Im Ortsteil Billberge gibtes  zur Erinnerung an zwei namentlich bekannte Polen, die während des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland verschleppt wurden und Zwangsarbeit verrichten mussten. Wegen verbotener Kontakte zu deutschen Frauen wurden sie 1942 erhängt.

Tangermünde erhält seine ersten Stolpersteine

Am Rückweg zum Stellplatz entdeckte Brigitte diese Stolpersteine

Mehrere jüdische Familien lebten, zumeist bis 1939, als anerkannte Mitbürger in der Stadt, übten ein Gewerbe aus. Zwei der bekanntesten sind die Familien Markus und Bernhard.

Paul Bernhard, geboren 1874, betrieb an der Langen Straße 20 bereits das größte und modernste Kaufhaus der Stadt und lebte mit seiner Frau Lilly und den Kindern Hilde und Heinz im Obergeschoss des Kaufhauses (Foto). In der Reichspogromnacht wurde das Haus von SA-Männern beschmiert und beschädigt, später zu einem Spottpreis zwangsverkauft und arisiert. Paul musste später ein Bein amputiert werden, weil ihm notwendige Medikamente verwehrt wurden; 1941 starb er mit 66 Jahren im Tangermünder Krankenhaus. Seine Frau wurde 1942 ins Warschauer Getto deportiert. Den Kindern gelang später die Flucht in die USA, nachdem ihre Lebensgrundlagen zerstört waren.

Sowjetische Armee

Ganz versteckt entdeckten wir diesen Gedenkstein

Für die Opfer des Stalinismus gibt es in Tangermünde kein namentliches Gedenken. Diese Personen wurden ohne gerichtliche Verfahren verhaftet, verschwanden in Lagern und Informationen zu den dort Verstorbenen wurden bis zum Ende der DDR nicht erteilt.

Noch einige Fotos vom Rundgang

Der Eulenturm ist ein zur historischen Stadtbefestigung gehörender Wehrturm in Tangermünde.

Ein Gedanke zu „Ein Abend in Tangermünde

  1. Pingback: Geschichte im öffentlichen Raum in Tangermünde | Rote Spuren

Hinterlasse einen Kommentar